Wie verläuft eine Paartherapie nach der IKPT Methode?

Eine vollständige IKPT Paartherapie läuft in vier aufeinanderfolgenden Phasen ab. (Es wird der besseren Lesbarkeit halber die traditionelle Schreibweise gewählt; selbstverständlich sind bei "Therapeuten" und "Partnern" immer beide Geschlechter eingeschlossen.)

 

Erste Therapiephase:

Zu Beginn sind die meisten Paare im Bann der Krise, und jeder Partner hat seine persönliche Meinung über die Ursache des gemeinsamen Problems. Eigene Versuche, eine Lösung zu finden scheitern in der Regel am Widerstand des Partners. Man hat vielleicht schon an eine Trennung gedacht, mindestens zweifelt man ab und zu am Sinn der Beziehung. „Schützenhilfe“ von Verwandten oder Freunden, mit denen man über die Schwierigkeiten gesprochen hat, nützt in der Regel nichts, da dies beim Partner meistens nur Gegenreaktionen auslöst. - Der Therapeut nimmt von Anfang an beide Standpunkte neutral zur Kenntnis, auch wenn sie emotional geäussert werden oder sich widersprechen. Er setzt sich zunächst dafür ein, ein Behandlungsziel im Interesse der gemeinsamen Beziehung zu finden.

Bei allem Verständnis für die Wut oder Verzweiflung hört der Therapeut die gegenseitigen Vorwürfe nur soweit an, bis er erste Vorstellungen über die unbewussten Hintergründe des gemeinsamen Konfliktes gewonnen hat. Es ist dabei für manche Paare überraschend, dass man in einer Therapie nicht „alles abladen“ soll oder darf. Die IKPT ist aber von Anfang an auf das Ziel ausgerichtet, die Probleme zu lösen und nimmt deshalb nicht immer Rücksicht auf die momentanen Befindlichkeiten.

Der Therapeut bemüht sich, das Interesse des Paares möglichst rasch auf die verborgenen Gesetzmässigkeiten der unterschiedlichen Standpunkte zu lenken. Sobald ersichtlich ist, dass sich die Auseinandersetzungen im Kreis bewegen, indem jeder Vorstoss des Einen sofort eine Gegenkritik des Andern auslöst, wird es plausibel, dass neue Lösungswege gefunden werden müssen. Hier setzt der erste therapeutische Veränderungsschritt an.

Als erster (provisorischer) Schritt, etwa vergleichbar mit dem Gipsverband für das gebrochene Bein, muss das Paar sofort mit dem Streiten bzw. mit allfälligen destruktiven Verhaltensweisen aufhören, auch wenn inhaltlich noch kein Problem gelöst ist. Die in manchen Therapien verbreitete Auffassung, der Krise würde ein „Kommunikationsproblem“ oder „mangelnde Beziehungsfähigkeit“ zu Grunde liegen wird in der IKPT nicht geteilt. Mit allen anderen Leuten als dem Partner können auch emotional eskalierte Paare meistens normal kommunizieren. Die Streitigkeiten im Kreis herum sind lediglich Stellvertreter-Konflikte für die Entzweiung in unbewussten Persönlichkeitsschichten, die in der zweiten Therapiephase aufgearbeitet werden sollen.

Zuerst müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, zu den Wurzeln des Konflikts zu gelangen, was bedeutet, dass das Paar zunächst eine ruhige und sachliche Ebene finden muss. Und hier liegt oft eine grosse Schwierigkeit: Da man zur Entspannung nicht das Endergebnis der Therapie – die Auflösung des unbewussten, Konflikts – an den Anfang stellen kann, bleibt in der ersten Phase nichts anderes übrig, als sich gut zu kontrollieren und mit dem Streiten aufzuhören, auch wenn es einem noch gar nicht danach zumute ist.

Die Aussicht auf eine rasche Verbesserung der Situation erleichtert dabei die Mitarbeit. Bei stark fixierten Beziehungsmustern muss der Therapeut gelegentlich autoritativ intervenieren, um Raum für Veränderungen zu schaffen. So hat es beispielsweise keinen Sinn, alle vergleichbaren Vorkommnisse aufzuzählen, wenn einmal klar geworden ist, wie die Mechanismen laufen. Niemand will weitere Zeit verlieren, sobald sich geklärt hat, welches der nächste Schritt ist.

Ganz bewusst wird bei der IKPT auf die für viele andere aufdeckende Therapieformen charakteristische Methodik verzichtet, die subjektive Meinung des Patienten unstrukturiert entgegen zu nehmen. Diese Straffung bedeutet keine Einschränkung für das Paar, weil es dadurch schneller zum Ziel kommt. Gegenüber allen Gesprächsinhalten ist der Therapeut offen und akzeptierend, auch  wenn gelegentlich befremdliche Vorstellungen und Verhaltensweisen von Partnern zur Sprache kommen können. Die gemeinsame Einsicht, dass in menschlichen Beziehungen normalerweise auch Peinlichkeiten und Absurditäten entstehen können, bewirkt immer eine grosse Entspannung.

Sobald ein Paar wieder in der Lage ist, der Krise mit etwas innerer Distanz, und den eigenen Absurditäten mit neu erwachtem Humor zu begegnen, ist der Weg frei für die zweite Phase der Therapie.

 

Zweite Therapiephase:

Nun werden die therapeutischen Gespräche mit zusätzlichen, nicht-verbalen Methoden ergänzt. Das Paar malt hin und wieder zu Hause ein Bild oder es wird dazu angehalten, in der Therapiestunde zu einem bestimmten Thema zu phantasieren oder zu imaginieren (sich mit geschlossenen Augen bildlich etwas vorstellen). Gelegentlich kann auch ein kurzes Rollenspiel gemacht werden usw.

Der Einsatz von nonverbalen Methoden kann zu Beginn etwas irritieren. Zu oft wurden solche Techniken in den letzten Jahren in zweifelhaften „Psycho“-Veranstaltungen unter unprofessionellen Bedingungen angewandt. Ein erfahrender Therapeut macht aber nicht den Fehler, etwas Sinnvolles wegen stattgehabtem Missbrauch zu verwerfen. Unbewusst gespeicherte und gestaltete Einsichten werden durch nicht-verbale Methoden sehr effizient zugänglich. Die Schwierigkeit (und Kunst) besteht nur darin, echten therapeutischen Nutzen daraus zu ziehen.

Zwischen den Sitzungen muss das Paar weiterhin konsequent aufs „zirkuläre“ Streiten (Gesprächs-Schlaufen im Kreis herum) verzichten, es soll auch nicht mit Aussenstehenden über die Beziehung resp. über den Partner reden, soll manchmal Protokolle verfassen usw. Die Partner haben nun die Möglichkeit, den Therapeuten im Sinn einer Hotline anzurufen, wenn Sie nicht weiterkommen und ein Rückfall in die destruktive Kommunikation droht.

Die Aufarbeitung der unbewussten Hintergründe des Konflikts ist sehr anregend und spannend. Im Rückblick auf die Beziehungs- und Lebensgeschichte wird zunehmend sichtbar, wie man als Individuum und als Paar in seinen tieferen, das heisst lebensgeschichtlich früheren, längst vergessenen Schichten funktioniert oder funktioniert hat. Die tiefen Schichten wirken steuernd in die Gegenwart herein. Dies heisst nicht, dass das Unbewusste die Gegenwart vollständig determiniert (vor-bestimmt), alte Erinnerungsspuren führen aber in speziellen Bedeutungsbereichen zu stereotypen Einstellungen und Verhaltensweisen. Dadurch wird die aktuelle Beziehungsrealität teilweise von Motiven gesteuert, auf die man ohne Einsicht kaum Einfluss nehmen könnte. Weil unbewusste Vorgänge leicht entgleisen und ein Eigenleben annehmen können, und damit das Bewusstsein nachhaltig einzuengen im Stande sind, können sie die Kommunikation in der Beziehung „verbiegen“. Daraus entsteht allmählich die Beziehungsstörung in der Gestalt der Verstrickung, welche man spontan meistens mit untauglichen Methoden korrigieren will. Dem daraus entstehenden Teufelskreis versuchen die meisten Paare schliesslich zu entgehen, indem sie nach langen Kämpfen innerlich oder real aus der Beziehung „aussteigen“. Mit der aufdeckenden Paartherapie hat man die Chance, aus einer solchen gegenseitigen Verstrickung auszusteigen, bevor die Beziehung zerstört ist.

Diese Aufarbeitung, Klärung und Umsetzung ist recht kompliziert und macht auch den Hauptanteil der IKPT aus. Gut strukturierte Modelle können dem Paar dabei einen Überblick geben, so dass das Erlebte immer auch eingeordnet („navigiert“) werden kann. Die belastenden Konflikte gehen in dieser Therapiephase in der Regel in Ausmass und Häufigkeit erheblich zurück. Dadurch wächst die Motivation und der Optimismus, und die Atmosphäre wird meistens zunehmend spielerisch und humorvoll, getragen von Entdeckerfreude.

 

Dritte Therapiephase:

Mit wachsender Einsicht in die Zusammenhänge und mit zunehmender Übung – es wird jeweils sofort jede neue Erkenntnis umgesetzt – ist das Paar zunehmend besser in der Lage, die Beziehung zu „managen“. Wenn man begriffen und gespürt hat, wie destruktive Konflikte im Grunde aus unvermeidlichen, sogar gut gemeinten Korrekturversuchen entstanden sind, so verändert sich die Beziehung spürbar. Die lange hinter den unbewältigten Konflikten verborgenen Liebesgefühle können wieder erwachen, man beginnt sich wieder als Paar zu erleben.

Die Zwischenräume zwischen den Sitzungen werden entspannter. Nur noch selten, bleiben die Partner in einem verstrickten „Absturz“ hängen. Es kann zwar zu kürzeren Eskalationen kommen, aber mit dem inzwischen in der Therapie Erarbeiteten lösen sich die Missverständnisse oder Fehl-Interpretationen meistens rasch auf.

Es kann sich mit dem Fortschritt der Therapie allerdings auch einmal die Erkenntnis einstellen, dass die Liebe unter einem allzu grossen Scherbenhaufen abgestorben ist. Dann versetzen einen die gewonnenen Einsichten in der Regel immerhin in die Lage, sich einvernehmlich trennen zu können Es kommt in solchen Situationen Trauer auf und nicht mehr verzweifelte Wut, weil man doch verstanden hat, was einen ursprünglich entzweit hat.

Gegen Abschluss der dritten Phase, d.h. in den letzten regelmässigen Therapiesitzungen wirkt der Therapeut vor allem als „Supervisor“, der dem Paar nach Bedarf hilft, Zusammenhänge zwischen den mittlerweile erkannten alten Geschichten und den je aktuellen Bezügen herzustellen, wenn noch es allzu unübersichtlich zu werden droht. Im gleichen Masse wie man sich aus den alten Bedeutungsmustern emanzipiert - gleichsam ein persönliches „Update“ -, befreit man auch die Beziehung von der Hypothek unrealistischer Erwartungen und Aufgaben. Damit wird der Weg frei für eine „aktualisierte“, im umfassenden Sinn erotische und dialogische Beziehung.

 

Vierte Therapiephase:

Die Therapie geht nun, ohne dass noch feste Termine vereinbart werden, in den „Stand-by“ Modus über. Falls notwendig, kann das Paar jederzeit anrufen und gegebenenfalls kurzfristig eine Sitzung einberufen.

Die Verstrickung soll in diesem Stadium soweit überwunden sein, dass die gute Stimmung in der Beziehung wieder hergestellt ist. Wenn Meinungsverschiedenheiten auftreten, so bleiben sie in der Regel auf die Sache beschränkt, die sie ausgelöst haben. Die anhaltenden Verstimmungen mit ihren charakteristischen Gefühlen von Einsamkeit und Ohnmacht bleiben dadurch weitgehend aus.

Gelegentlich können auch in der vierten Phase Rückfälle in den „verstrickten Modus“ eintreten, die man so zu erleben pflegt, als sässe man plötzlich wieder im „alten Film“. Dies kann einen gewaltig erschrecken, weil - typischerweise - in solchen Momenten das momentane Gefühl identisch ist wie früher. Man kann deshalb einen Moment lang wirklich glauben, die ganze Therapie hätte „überhaupt nichts gebracht“. Meistens kommt man aber selber rasch aus der Krise heraus, praktisch sicher aber mit Hilfe des Therapeuten.

Die Ursache solcher „Abstürze“ kann selten einmal darin liegen, dass man auf einen noch unbearbeiteten Konfliktanteil gestossen ist. Dann muss man allenfalls die Therapie auf dem Stand der zweiten Phase noch einmal aufnehmen. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass man aus einer banalen Stresssituation heraus vorübergehend in die alten Reflexe zurückgefallen ist.

Wenn sich der Zustand über einige Monate als stabil erwiesen hat, so kann man die vierte Phase, bzw. jetzt auch die Paartherapie als abgeschlossen betrachten. Grundsätzlich kann man sich aber immer wieder an den Therapeuten wenden, wenn irgendetwas auftaucht, was man selber nicht ausreichend bewältigen kann.